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Nur wenige Meter entfernt vom Roskapellchen mit dem Streuengelche, den beiden Wahrzeichen des alten Aachener Arbeiterquartiers Rosviertel, steht die ehemalige Fabrik der Firma Jos. Zimmermann, die über 150 Jahre Nadeln der berühmten Marke „Eisbär“ für den Weltmarkt produzierte. Sieben Generationen waren die Häuser in der Rosstraße nicht nur Heimstätte der Nadelfabrik, sondern auch Wohnsitz der Familien Zimmermann-Jungbecker, die über sieben Generationen Inhaber des Betriebs und der zugehörigen Immobilien waren und gleichzeitig vor Ort wohnten. Die Jungbeckers, ganz besonders die letzte „Hausherrin“ Lipette, prägten die städtische Gesellschaft mit ihrem öffentlichen Auftreten und ihrem Engagement für das Viertel und seine Einwohner.

Geschichte

Schon im Mittelalter war das Viertel zwischen innerem und äußerem Mauerring durch handwerkliche Arbeit geprägt. Die Pau, die das Viertel (seinerzeit noch offen) durchfloss, speiste zahlreiche Mühlen und lieferte „gutes“ Wasser für die ansässigen Gewerke. Zur Zeit der Hochindustrialisierung beheimatete das Rosviertel zahlreiche mittlere und große Betriebe, der typischen Aachener Industriezweige, allen voran aus der Tuch- und Nadelproduktion. Gleichzeitig war es auch wohnliche Heimat der einfachen Arbeiter aus diesen Beitrieben, deren mitunter prekären Lebensbedingungen das Viertel zu einem, wie man heute sagen würde, sozialen Brennpunkt machten. Da waren die meisten Firmenchefs, die „Industriebarone“, längst in die weniger enge, sauberere und grünere Vorstadt gezogen. Nicht so die Zimmermanns.

Die Häuser in der Rosstraße 11-13 waren seit jeher Wohnsitz der Eigentümerfamilie. Im unteren Teil des Hauses, dessen hölzerne Innentreppe unter Denkmalschutz steht, befanden sich bis zum Schluss die Büroräume der Geschäftsführung und im Hof schlossen sich die Produktionsflächen an. Aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, der Anfangszeit der industriellen Nadelproduktion, stammt das älteste Fabrikgebäude. Hier wurden um die Jahrhunderthälfte auch zwei Dampfkesselanlagen errichtet, die die maschinelle Massenproduktion in der Firma Zimmermann ermöglichten.

Um 1900 gab es in Aachen knapp 30 Nadelfabriken – damit war die Stadt das globale Zentrum dieses Industriezweigs. Unter den großen Firmen der lokaltypischen Branche war die Firma Zimmermann zwar nur ein mittlerer Betrieb, aber die Marke Eisbär war bereits weltbekannt – von nun an auch im neuen Sektor Grammophonnadeln.

Schon vor dem Krieg hatten rund 150 Mitarbeiter*innen ihren Arbeitsplatz in der Rosstraße, aber baulich wurde die Fabrik erst in der Nachkriegszeit stark erweitert, obwohl die Kriegsschäden sich im Rahmen gehalten hatten. Der alte Fabrikschornstein wurde abgerissen, die Dampfkesselanlage demontiert und das alte Fabrikgebäude um zwei jeweils dreigeschossige Seitengebäude erweitert, so dass in Grundzügen das heutige Gebäudeensemble entstand.

In den 1960ern wurde noch einmal stark expandiert: die Familie kaufte das heute (wegen des typischen „Couvenstils“) denkmalgeschützte Nachbarhaus Rosstraße Nr. 9, nachdem die dortige Wirtschaft geschlossen hatte. An deren zugehörige Kegelbahn erinnert noch heute der gleichnamige Verbindungsgang zwischen den Grundstücksteilen in der Ros- und der Mörgensstraße. In letzterer baute die Firma 1966 zwei Häuser mit Wohnungen für die Fabrikarbeiter – bis heute gehören diese beide Häuser zum Gesamtkomplex. Ein ehemaliger Mitarbeiter aus der Stampferei der Nadelfabrik wohnt noch immer dort – als Erstmieter und nach 47 Jahren Betriebszugehörigkeit!

Grundlegend für den betrieblichen Erfolg in den „Wirtschaftswunderzeiten“ war aber sicher die Aufnahme der Kunststoffproduktion in den 50er-Jahren. Die Fertigung von Garnhülsen wurde zum zweiten und wahrscheinlich entscheidenden Standbein. 1963 hatte das Unternehmen mit über 270 seine maximale Mitarbeiterstärke. Zehn Jahre später wurde die Kunststofffertigung in ein eigenes, neues Werk in Alsdorf-Hoengen verlegt. In der Rosstraße blieb die Nadelproduktion, wobei vor allem die sogenannten Tuftingnadeln besonders umsatzträchtig waren.

Noch 1988 feierte die Firma groß ihr 150-jähriges Jubiläum, aber bereits 10 Jahre später gingen die Lichter in den Fabriken endgültig aus. Damit endete die lange Geschichte eines die Stadt und das Viertel prägenden Unternehmens – aber sie lebt im Gebäude und den Menschen weiter. Denn 2004 kaufte das Sozialwerk Aachener Christen die jungbeckerschen Liegenschaften in der Ros- und Mörgensstraße, um seine bis dahin in der ganzen Stadt verstreuten Aktivitäten an einem Ort zu bündeln, der Arbeit und Soziales seit jeher verband – eine für uns sehr günstige Fügung.

 

Lipette Jungbecker, seinerzeit bereits hochbetagte Grande Dame des Rosviertels und Ehrenvorsitzende des Streuengelche-Vereins, bewohnte mit ihrem jüngsten Sohn noch bis zu ihrem Tod 2011 die Rosstraße 9-13. Aber da war das Sozialwerk, das zu ihr bis zuletzt – vor allem dank Toni Jansen und Walter Eßer – einen sehr guten Kontakt pflegte, schon lange in der alten Fabrik heimisch geworden:

Zu großen Teilen mit den eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, aber auch mit der klugen ideellen und großzügigen finanziellen Unterstützung verschiedener Freunde des Sozialwerks gelang in einem Kraftakt der Umbau von einem traditionellen Industriestandort zu einem modernen und einzigartigen Ort für soziale Arbeit. Harte Arbeit und bürgerlicher Wohlstand – auch hier findet sich der für dieses Viertel typischer Kontrast einmal mehr wieder.

Seit 2006 ist die „Rosfabrik“, wie sie seither nur noch heißt, das Herz und die Visitenkarte des Sozialwerks Aachener Christen. Sie steht mit ihrer Geschichte, die wir gerne zeigen und erzählen, symbolisch für unser Leitziel: Aachener*innen in Arbeit bringen!

Übrigens: Das alte Holztor ist (fast) immer offen – kommen Sie ruhig mal rein!

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Kathrin Wähnert
Kathrin Wähnert
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